Woher kommen die halben Zentimeter?

halbe Zentimeter bei Mauern

Bild: Hendrik Nölle(Klicker) / Pixelio

Wer sich mit Mauerstärken beim Steinhausbau beschäftigt, dem begegnen immer wieder diese auf “Kommafünf” endenden Zahlen: “elfkommafünf, siebzehnkommafünf und sechsunddreißigkommafünf Zentimeter”. Diese Zahlen haben mit Präzision nichts zu tun, sondern einen ganz banalen Grund, den ich Ihnen in diesem Beitrag erklären möchte:

Kein Mythos, sondern schlichte Mathematik

Diese Kommazahlen haben nichts mit freimaurerischer Mystik zu tun. Und es geht auch nicht um einen Millimeter pro Tag des Normaljahres oder um ein Gedenken an den Tsunami, der im Jahre 365 die antike Stadt Kyrene zerstörte. Der Grund für dieses Maß und allerlei andere am Bau ist gänzlich unspektakulär. Den Mathe-Cracks wird er vielleicht schon selbst in den Sinn gekommen sein.

Veränderungen der Normen

Noch zur Kaiserzeit wurde erstmals ein Normmaß für Ziegelsteine bei amtlichen Gebäuden eingeführt. Vorher hatten die Mauerziegel regional unterschiedliche Abmessungen, die noch aus vorrevolutionärer Zeit stammten, also nicht im Dezimalsystem angegeben wurden. Das “Reichsformat” beseitigte nun das bestehende „Durcheinander“. Allerdings nur für die Verwaltungsbeamten. Aus der Perspektive der Verarbeiter war das Format “knapp daneben”. Der “Takt” der Fugen wiederholte sich nicht jeden glatten Meter, sondern jeden Meterundvier. In den jungen Jahren unserer Bundesrepublik wurde diese Abweichung behoben, und am Ende der 1950er Jahre hatte sich das alte Format auf den Baustellen dann „ausgewaschen“.

Takt und Kopf

Die Glättung der Abmessungen führte zu einem Takt von einem Viertelmeter für die Länge eines Mauerziegels und einer Fuge. Damit ergaben vier Steine mit den dazugehörigen Fugen einen glatten Meter. Analog dazu bestand ein Takt im Normalformat in der Höhe aus acht Lagen (im Dünnformat aus zwölf).

Für einen stabilen Mauerverband verschränkte man die Steine abwechselnd in einer Lage längs und der nächsten Lage quer. Zwei quer gelegte Ziegel mitsamt Fuge hatten zusammen dasselbe Maß wie eine Längsseite mit Fuge. Der kleinste gemeinsame Takt ist somit ein “Oktameter” (= Achtelmeter), gebildet aus elfeinhalb Zentimetern Ziegelstein und einem Zentimeter Mörtelfuge – zusammen also 12,5 cm. Diese Einheit wird nach der Schmalseite des Steines als “Kopf” bezeichnet. Ein Meter hat also acht Kopf (nicht Mehrzahl, denn er ist ja keine Medusa).

Umgestellte Formate, beibehaltene Maße

Bestand die Dicke einer Mauer aus einem Stein und einem Kopf, so betrug sie also 36,5 cm (24 + 1 + 11,5 cm). Als man zu den heute üblichen Großformaten wechselte, wurden der Kompatibilität wegen die Mauerstärken von 11,5, 17,5; 24 und 36,5 cm beibehalten, obwohl bei den heute gebräuchlichen Plansteinen die 1 cm dicke Fuge längst Geschichte ist. Aber für besondere Zwecke finden die alten Kleinformate auch heute noch Anwendung. Daher müssen sich die Großformate in dieselbe Systematik eingliedern.

Die scheinbare Ausnahme

Standen zwei tragende Innenwände nah beieinander, so genügte es, sie anderthalb Kopf stark zu mauern (statt der sonst üblichen Ein-Stein-Stärke). Auch hier hätten wieder zwei von ihnen mitsamt der Fuge dazwischen die “magischen” 36,5 cm ergeben, auch wenn das höchst selten so angewendet wurde. Und überhaupt war diese Wandstärke in der Ära der Kleinformate eher exotisch. Heute hingegen wird diese Mauerstärke recht häufig eingesetzt, als WDVS (Wärmedämm-Verbundsystem) zusammen mit einer Dämmschicht nunmehr auch für Außenwände.

Der Schein trügt!

Wenn man nun als Planer im System des Baurichtmaßes denkt, dann betrachtet man einen Raum und eine Zwischenwand in derselben Weise zusammen (und erst gemeinsam einen ganzen Takt ergebend), wie dies auch für einen Mauerziegel und eine Fuge gilt. Wenn Sie also in einem Bauplan ein Maß von beispielsweise 238,5 Zentimetern sehen, dann ergibt sich das aus 2,50 Metern ganzzahligen Oktameter-Takteinheiten und der Subtraktion einer 11,5 cm starken nichttragenden Innenwand. Die halben Zentimeter von Raumbreiten sind also lediglich eine Folge der halben Zentimeter bei den Steinmaßen. Die nominellen im Beispiel 238,5 Zentimeter können also durchaus in der fertig gebauten Wirklichkeit auch 2,36 oder 2,41 Meter sein. Lassen Sie sich also von den scheinbar auf halbe Zentimeter “genauen” Maßangaben niemals zu der naiven Hoffnung verleiten, am Bau werde irgendetwas in einer solchen hohen Präzision “getan wie geplant”. Geringere Toleranzen als eine Daumenbreite sind auf einer Baustelle eine absolute Seltenheit!

Facebooktwitterredditpinterestlinkedinmail

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.